Mit welchem Gefühl wollen wir in Zukunft über Migration sprechen - Rundtischgespräch am 20. Mai 2026 im HoR Magdeburg mit der Friedrich Ebert Stiftung
Am 20. Mai kamen im House of Resources Magdeburg Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik zu einem internationalen Rundtischgespräch zusammen. Gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und Gästen der Vertretung aus Washington wurde darüber gesprochen, welche gesellschaftlichen Narrative rund um Migration derzeit prägend sind – und welche neuen Erzählungen es braucht.
Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur die politische Debatte selbst, sondern vor allem die Frage, welche Gefühle politische Kommunikation erzeugt und mit welchem Gefühl wir in Zukunft über Migration sprechen wollen: Angst und Kontrollverlust oder Gestaltungslust, Verantwortung und gemeinschaftliche Handlungsfähigkeit?
Der Austausch von Perspektiven aus Deutschland und den USA zeigte deutlich, wie stark rechte Narrative davon profitieren, hochkomplexe gesellschaftliche Entwicklungen auf simple Feindbilder zu reduzieren, um anschließend mit vermeintlich einfachen Lösungen das Gefühl von Kontrolle zu vermitteln. Deutlich wurde, wie wichtig konkrete zwischenmenschliche Beziehungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt sind. Die in den Medien vielfach sichtbaren Proteste und Solidaritätsaktionen gegen Maßnahmen der Immigration and Customs Enforcement (ICE) wurden im Gespräch aus persönlicher und gesellschaftlicher Perspektive noch einmal eingeordnet: Menschen setzen sich dort nicht abstrakt „für Migration“, sondern konkret für Nachbar*innen, Kolleg*innen und Freund*innen ein.
Genau hier liegt die Bedeutung interkultureller Begegnungsräume und kultureller Bildungsarbeit. Demokratie und Integration entstehen nicht allein durch politische Programme oder abstrakte Wertevermittlung, sondern dort, wo Menschen gemeinsam handeln, gestalten und Beziehungen aufbauen. Entscheidend ist dabei weniger die Sichtbarkeit kultureller Vielfalt, sondern das gemeinsame praktische Tun. Erst im gemeinsamen Arbeiten, Gestalten und Aushandeln entstehen Erfahrungen von Teilhabe, Verantwortung und gesellschaftlicher Verbundenheit.
Ein wichtiges lokales Beispiel dafür sind die “Mosaikprojekte” des Künstlers und Kunstpädagogen Ammar Assali, der 2024 eine HoR Förderung für das Projekt „Mosaik der Vielfalt“ erhielt und ebenfalls am Rundtischgespräch teilnahm. In gemeinschaftlichen künstlerischen Prozessen arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen an einem offenen Gesamtbild. Unterschiedliche Ausdrucksformen bleiben dabei sichtbar und werden zugleich Teil eines gemeinsamen Gestaltungsprozesses. Das Mosaik kann so als Sinnbild einer vielfältigen Gesellschaft verstanden werden: nicht homogen und widerspruchsfrei, sondern verbunden durch gemeinsames Handeln.
Kulturelle Bildung ist kein “Nice-to-have“, denn sie schafft wichtige Erfahrungsräume. Künstlerische Prozesse setzen kein gemeinsames Vorwissen, keine perfekte Sprache und keine einheitlichen Biografien voraus. Verständigung entsteht im gemeinsamen Tun. Genau darin liegt ihr demokratisches Potenzial: Teilhabe bedeutet nicht Anpassung unter Verlust von Differenz, sondern Beteiligung unter Erhalt von Verschiedenheit.
Vielleicht liegt genau darin auch eine der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben der kommenden Jahre: Räume zu schaffen, in denen Menschen nicht vor allem Ohnmacht und Kontrollverlust erleben, sondern die Erfahrung machen, gemeinsam handeln, gestalten und Zukunft mitprägen zu können.
Am Rundtisch kamen internationale Perspektiven aus Wissenschaft, Politik, kultureller Bildung und Zivilgesellschaft zusammen. Beteiligt waren unter anderem Vertreter*innen der Friedrich-Ebert-Stiftung Washington und der US-amerikanischen Politikkommunikation sowie Akteur*innen aus Sachsen-Anhalt wie der Künstler und Kunstpädagoge Ammar Assali, Mamad Mohamad (LAMSA e. V.), Undra Dreßler vom Bundeselternnetzwerk der Migrantenorganisationen für Bildung & Teilhabe sowie Mark Niklas Cuno vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung.
Danke an alle Beteiligten für den offenen und vielschichtigen Austausch.



